Manchmal kommt es eben anders...

Ein Jahr ist vergangen, seitdem sich mein Leben von einem auf den anderen Tag verändert hat. Denn ich habe Krebs – Lungenkrebs; und erst jetzt werde ich mir der Bedeutung dessen mehr und mehr bewusst. Nichts ist mehr, wie es war und nichts wird je so sein. Noch immer ringe ich mit mir, diese Tatsache anzuerkennen. Wie kannst du das Leben unbeschwert genießen, wenn du dich jeden Tag fragst, wie viele Tage, Monate, vielleicht auch Jahre dir noch bleiben…?

Noch vor drei Monaten habe ich fest an mein Glück geglaubt, an meine Genesung und daran, endlich wieder ein ganz normales Leben führen zu können. Mit alten und neuen Kräften aus der Kur zurückgekehrt, mache ich mich voller Tatendrang an die Arbeit, plane unsere Hochzeit und neue Projekte. Doch schon bald stoße ich erneut an meine körperlichen Grenzen und muss bitter erkennen: Manchmal kommt es eben anders als man denkt…

 

Der Countdown läuft

Bereits zu unserer standesamtlichen Hochzeit am 8. Mai bin ich abgespannt und müde. Obwohl alles perfekt und wunderschön ist, denn unsere Eltern haben uns eine grandiose Feier bereitet. Danach bleibt ein Monat, um alle Vorbereitungen für das große Fest abzuschließen: Blumendeko, Brautauto, Absprachen mit allen Beteiligten, Drucksachen, Friseur, Kleidanprobe und Accessoires. Natürlich soll alles perfekt sein. Die Zeit schwindet, ebenso meine Kraft. Die Schmerzen im Rücken und vor allem im Bein nehmen zu.

Flitterwochen adé?

Drei Tage vor der Hochzeit halte ich es nicht mehr aus und schleppe mich doch zum Arzt, mit dem schockierenden Ergebnis: Ich habe eine akute Thrombose in der linken Wade. Das heißt, ab sofort muss ich mein Bein hochlegen, wickeln und mir täglich Heparin spritzen. Tobias ist gerade zu einer Moderation in Bratislava. Wie soll ich ihm nur sagen, dass wir unsere so langersehnten Flitterwochen nach Singapur und Bali absagen müssen. Ich könnte einfach nur heulen. Und wie soll dass gehen, heiraten im Sitzen mit Schmerzen und fetter Bandage, tanzen und Hochzeitswalzer adé, was für eine Feier… Ich muss auf der Couch liegen und es sind noch so viele Sachen zu erledigen. Natürlich habe ich wieder zu viel bis zum Schluss aufgeschoben, typisch Tanja. Meiner Perfektion zum Trotz muss ich einige Dinge, die vielen wahrscheinlich nicht einmal auffallen, weglassen. Die wichtigen Aufgaben verteile ich an meine Freunde, die mir in diesen Tagen so fleißig und tatkräftig zur Seite stehen, dass ich ihnen gar nicht genug danken kann.

Alles wird gut!

Noch einen Tag bis zur Hochzeit. Das Motto lautet: „Alles wird gut!“ Und am Ende ist es selbst mir scheißegal, ob die hundert cremefarbenen Rosen eher ins grünliche oder ins rosé gehen, die Lilien für den Dom noch nicht in voller Blüte stehen oder das Brautauto kein schicker Oldtimer sondern eine knatternde Rostlaube ist. Denn in dem Augenblick, in dem die Kirchtür aufgeht, der erste Orgelton erklingt und du mit zitternden Knien durch die Reihen der Familie und Freunde zum Altar schreitest, wo ER mit strahlendem Lächeln und Tränen in den Augen auf dich wartet, spürst du keinen Schmerz mehr und du weißt, dass du diesen Moment dein ganzes Leben nicht mehr vergisst. Danach fließt alles nur noch so, ich strahle von innen heraus und scheine zu schweben. Für richtige Gespräche bin ich viel zu aufgeregt, aber ich genieße die gelassene Atmosphäre und mein unendliches Glück an diesem Tag.

Der Zusammenbruch

Jeder Tag hat leider auch ein Ende und mit dem Kleid ziehe ich die Leichtigkeit des Seins aus. Auch die Freuden des Geschenkeauspackens sind bereits nach zwei Tagen verpufft. Dann ist leider alles vorbei. Was bleibt sind mein neuer Name, der funkelnde Ring an meinem Finger und das warme und doch zunehmend hilflosere Lächeln meines frischgebackenen Ehemannes. Mein Körper hat alles gegeben, was er an Kraft und Ausdauer bieten konnte, es folgt der Zusammenbruch. Ich schleppe mich durch den Tag, zwar ist die Thrombose besser, dafür tun meine Füße und Hüftgelenke so weh, dass ich kaum noch laufen kann. Die Schmerzen im Rücken werden unerträglich, die Schmerzmittel muss ich alle paar Tage erhöhen, damit ich es überhaupt aushalte. Ich kann nicht liegen, sitzen, gehen. Nur mühsam schleppe ich mich zum Frühstückstisch, Tobias bemüht sich liebevoll, mir jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Bereits am vierten Tag unserer jungen Ehe muss er sich eher wie ein Pfleger fühlen.

Der Schock

Voller Angst fahre ich an diesem Freitag zur Computertomographie in die Robert-Koch-Klinik. Tobias habe ich gebeten, mich dieses Mal zu begleiten. Endloses Warten auf die Untersuchungsergebnisse lässt mich nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich, meine Ärztin fällt sofort mit den schlechten Neuigkeiten ins Haus. Der Lungentumor ist wieder gewachsen, außerdem sind einige Metastasen, die nahezu verschwunden waren, wieder in Lunge und Leber, sogar ein neuer Leberherd ist hinzugekommen. Meine schlimmsten inneren Befürchtungen haben sich bestätigt. Denn ich habe schon längst ein ungutes Gefühl und böse Erinnerungen an Rückenschmerzen und das Stechen in der Brust. Es erinnert mich daran, wie damals alles begann. Eigentlich sollten wir noch überglücklich im Hochzeitsrausch sein. Stattdessen werden wir eiskalt in die Realität zurückgeholt. Prinzen und Prinzessinnen gibt es eben nur im Märchen. Wieder sitzen wir nun hier, noch betäubt und fassungslos von der niederschmetternden Wahrheit. Wer braucht schon Flitterwochen auf Bali, wenn er ne Chemo in Leipzig Grünau haben kann? Nach kurzem Abwägen der weniger werdenden Alternativen entscheiden wir uns für die vielleicht chancenreichste, aber auch sehr aggressive Chemotherapie.

Noch was?

Ein paar Tage in einem tollen Wellnesshotel am Scharmützelsee sollen mir helfen, ein wenig zu Kräften und mehr Gewicht zu gelangen für die anstehenden Strapazen. Vielleicht können sie auch ein wenig ablenken und wenigstens etwas Flitterwochenersatz sein. Doch es soll weitere Hindernisse geben. Montagnacht um vier werde ich von starken Schmerzen im Bauchbereich geweckt. Bereits nach fünf Minuten erkenne ich, dass mir eine Tablette diesmal nicht helfen kann, so schnell wie die Schmerzen zunehmen. Wir müssen den Notarzt rufen. Eine endlose Stunde winde ich mich schreiend vor Schmerzen, Tobias hält tapfer meine Hand. In seinem Gesicht lese ich Angst und Hilflosigkeit, aber ich bin einfach froh, dass er da ist. Sie spritzen mir ein Schmerzmittel. Kurz darauf wird mir schlecht, heiß und kalt zugleich, ich merke, wie ich kurz vorm Wegtreten bin. Und endlich werde ich ruhiger, das Morphin beginnt zu wirken, die Schmerzen werden erträglicher, mein Wimmern verebbt. Dann ist es geschafft. In einem Sack werde ich durchs Treppenhaus getragen und wieder in die ROKO (Robert-Koch-Klinik) gefahren. Bereits am Vormittag steht noch eine Knochenzinthigrafie im St. Georg an, um den Rückenschmerzen auf den Grund zu gehen. Die Ergebnisse werden in einigen Tagen vorliegen. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt einen kleinen Polypen in meiner Gallenblase, ein Hinweis von mehreren, dass die kolikartigen Schmerzen in der Nacht auf einen abgegangenen Gallenstein hindeuten könnten. Ich bekomme wieder stärkere Schmerzmittel und entlasse mich selbst. Wir fahren nach Hause, werfen ein paar Sachen in die Koffer und ab geht es an den Scharmützelsee.

Luxuswellness

Die Tage am See tun uns beiden gut, obwohl mir die Angst auf Kommendes im Nacken sitzt und ich vor Schmerzen den Luxus des Hotels nicht wirklich genießen kann. Aber wir machen das Beste daraus und mein Ehemann trägt mich auf Händen durch das Solebad. Wir gönnen uns Wohlfühlwellness vom Feinsten. Wieder Zuhause angekommen, merke ich schnell, dass ich die ambulante Chemo nicht überstehen werde. Ich kann mir selbst nicht mehr helfen und Tobias überfordere ich mit meinen Schmerz- und Gefühlsattacken ebenso. Ich veranlasse meine Einweisung in die ROKO für Donnerstag.

Rosarote Elefanten

Den Mittwoch muss ich jedoch noch überstehen, da habe ich die ambulante Operation für den Port. Das bedeutet, es wird mir oberhalb der rechten Brust eine kleine Kammer eingepflanzt, die direkt mit der Vene verbunden ist. Über diese können dann alle Infusionen der Chemotherapie direkt in meinen Blutkreislauf gelangen. Natürlich habe ich Angst vor der OP und so erhalte ich eine kleine Narkose. Gerade will ich mir noch Gedanken über kommende Schmerzen machen, da bin ich auch schon im genialsten Bollywoodfilm aller Zeiten. Ich höre laute Musik und sehe rosarote Elefanten, die tanzen und bei genauerem Hinsehen in einander verschwimmen. Dann nehme ich ein unsanftes Handtieren an meinem Oberkörper war. Ich blinzele mit einem Auge und erahne die grünen Kopfhauben der Ärzte, darüber die grellen OP- Leuchten. Schnell mache ich die Gucker wieder zu, dann lieber noch ein bisschen Bollywood. Ich bin noch etwas taumelig auf den Beinen, mir ist ein wenig schlecht und ich kann mich kaum bewegen, da mir meine rechte Seite wehtut. Aber ich habe alles bestens überstanden und werde von Tobias nach Hause gefahren.

Meine erste Chemo

In der Robert-Koch-Klinik angekommen warten weitere schlechte Neuigkeiten auf mich. Auch im Lendenwirbelbereich sind Metastasen gefunden wurden. Daher soll ich im Anschluss an die erste Chemotherapie für einige Bestrahlungen ins Klinikum St. Georg verlegt werden. Gerade zwei Tage nach der OP wird mein Port das erste Mal angestochen. Die Nadel bleibt für die nächsten Tage liegen und wird im Dauereinsatz sein. Noch schmerzt die komplette Seite ich kann mich nur mit Mühe aufrichten. Mit Kochsalzlösung werden meine Nieren am Vortag der Chemo durchgespült und auf die kommende Chemiekeule vorbereitet. Ich habe das Gefühl alle zehn Minuten die viele Flüssigkeit loswerden zu müssen. Am darauf folgenden Tag ist die eigentliche Chemotherapie. Es geht wieder mit Kochsalzlösung los, gefolgt von verschiedenen Mitteln gegen Übelkeit und Erbrechen. Dann werden die zwei Beutel Alimta und Cisplatin angehangen, die mit vielversprechenden Aufklebern versehen sind: Achtung Chemotherapie! Nur mit Handschuhen berühren und sorgfältig behandeln. Bereits während die Suppe in mich hineinsickert, werde ich müde und schlapp und bekomme Hitzewellen. Nacht um drei Uhr ist endlich alles drin, ich fühle mich abgefüllt und mir ist schlecht. Am nächsten Tag wird nachgespült, wieder gibt’s Kochsalzlösung und Kram gegen Erbrechen und Übelkeit. Aufgebläht von so viel Flüssigkeit komme ich mir vor, wie im fünften Monat schwanger, nur dass ich statt eines Embryos fette Krebsgeschwüre in mir trage. Ich schleppe mich an die frische Luft und gönne mir etwas Bewegung. Dabei meine ich nicht etwa eine Runde Joggen sondern einen schneckengleichen Spaziergang durch den Klinikpark. Trotz Übelkeit bin ich für jeden Besuch dankbar, der mich vom tristen Krankenhausalltag ablenkt.

Bestrahlung

Am 5. Tag werde ich ins St. Georg verlegt. Hier weiß man nichts von meiner Ankunft und so werde provisorisch in ein Arztzimmer gelegt. Die Chemo scheint jetzt ihre volle Wirkung zu entfalten, denn mir ist heiß und kalt im Wechsel, ich bin schlagkaputt und schlafe ständig. Am Morgen darauf zwinge ich mich zu einer Ganzkörper-Wäsche einschließlich meiner Haare (nach ganzen neun Tagen). Ich habe verstärkten Haarausfall, meine Ärztin gibt mir jedoch Anlass zur Hoffnung, dass mir meine Haare erhalten bleiben. Ich fühle mich kurz wie neu geboren und kann dann in ein Einzelzimmer umziehen. Mit Hilfe einer Computertomografie werden nun die Bestrahlungsparameter festgelegt und anschließend auf Bauch und Rücken gemalt. Damit kann ich mir wohl auch die nächsten Tage das Duschen trotz dreißig Grad im Schatten abschminken. Die zwölf darauf folgenden Tage erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Täglich habe ich ca. zehn Minuten Bestrahlun. Von vier verschiedenen Seiten wird ein kleiner Bereich meiner Lendenwirbelsäule anvisiert. Dabei liege ich auf einem harten flachen Tisch und zähle die Sekunden, um mich von den Rückenschmerzen abzulenken. Denn still und bewegungslos sein hat hier oberste Priorität.
Die nächsten Tage bin ich so müde und breit, schaffe es kaum zur Toilette und mir ist so schlecht. Alle Gerüche widern mich an und ans Essen kann ich nicht einmal denken. Mit viel Überwindung quäle ich mir ein Butterbrötchen mit Salz hinein, denn das ist das einzige, dass ich runter bekomme. Und das alle drei Stunden, denn ich habe das Gefühl, als bräuchte ich ständig neue Energie. So zwinge ich mir auch nachts noch etwas zu essen rein, damit ich schlafen kann. In der Nacht bekomme ich zusätzlich intravenöse Nahrung mit ca. 800 Kalorien, da ich bereits drei Kilo abgenommen habe. Leider werde ich deshalb im Zweistundentakt von meiner Blase geweckt. Zwei Wochen nach der ersten Chemo geht es mir endlich allmählich besser. Ich schaffe es aus eigener Kraft an die frische Luft oder zur Bestrahlung (ganz ohne Rollstuhl) und bekomme sogar einige Stunden Freigang am Wochenende.

Kurze Freiheit

Nach drei endlosen Wochen werde ich entlassen und habe ganze fünf Tage Heimurlaub. Von Tag zu Tag geht es mir besser und ich genieße meine wieder gewonnenen Lebensgeister. Ich habe wieder mehr Appetit und versuche mir Energiereserven anzufuttern. Dann beschleicht mich auch schon das bedrückende Gefühl der Angst, der Angst vor dem nächsten Stoß. (Fortsetzung folgt)

Kommentare   

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